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TV Großwallstadt: Die Handball-Hochburg vom Untermain

Wie geht das? Dass ein Ort von gerade einmal 4.000 Einwohnern national und international solche Erfolge im Hallen-Handball feiert: Siebenmal Deutscher Meister, viermal Deutscher Pokalsieger, zweimal Europacupsieger der Landesmeister und drei weitere internationale Titel dazu. Torwart-Legende Manfred Hofmann, der einen Großteil dieser Titel mit dem TV Großwallstadt (TVG) gewann und dessen Paraden Deutschland den Weltmeistertitel 1978 verdankt, liefert die Erklärung: „Wir waren eine tolle Truppe, hielten zusammen und kamen alle aus Unterfranken oder der hessischen Nachbarschaft. Und: Wir wollten gewinnen und haben so auch Mannschaften geschlagen, die vielleicht nahezu gleichwertig waren.“ Schaut man auf die Fotos der goldenen Jahres des TVGs und blickt in die Gesichter, so wird deutlich: Kurt Klühspies, Manfred Hofmann oder Manfred Freisler und die ganze Truppe, das waren Kerle, die nicht nur körperlich fit waren, sondern die vor allem gewinnen wollten. Und die damit nicht nur den TVG, sondern auch die deutsche Handball-Nationalmannschaft zu Erfolgen führte. Dabei war Großwallstadt zunächst nicht im Hallen-, sondern im Feld-Handball Deutscher Meister geworden und hatte sich 1973, im Juli vor vierzig Jahren, im Endspiel gegen Kassel die letzte Deutsche Meisterschaft geholt. Dies obwohl Spielertrainer Josef Karrer verletzt war. Der inzwischen über 70-jährige Karrer war übrigens Weltmeister im Feld-Handball 1966, WM- und Bundesliga-Torschützenkönig. Das Main-Echo bezeichnet ihn noch heute als wichtigsten Spieler in der Geschichte des TVG der den Grundstein dafür legte, dass das Dorf vom Untermain zur Handball-Hochburg wurde, die nicht nur national, sondern auch international glänzte. Und gegen den kraftvollen Josef Karrer sahen viele Abwehrspieler alt aus.

1. Reihe (Vorne; von links nach rechts): Tim Henkel, Fannar Fridgeirsson, Mathias Lenz, Milos Putera, Chen Pomeranz, Maximilian Holst 2. Reihe (Mitte; von links nach rechts): Edwin Hubert (Physiotherapeut), Björn Müller (Physiotherapeut), Viktor Hugo Lopez, Nils Kretschmer, Sverre Jakobsson, Bastien Arnaud, Jan Redmann (Co-Trainer), Khalid Khan (Trainer) 3. Reihe (Oben; von links nach rechts): Günther Lorenz (Physiotherapeut), Florian Eisenträger, Jannik Kohlbacher, Michael Spatz, PD Dr. Jörg Petermann (Mannschaftsarzt)

Großwallstadt ist immer noch eine Handball-Hochburg. Der Verein setzt auf Jugendarbeit in der TVG Junioren Akademie und auf die Jugendspielgemeinschaft Wallstadt. Heute spielen 250 Kinder und Jugendliche, angefangen von den Bambinis im Alter von 5 Jahren, in 21 Mannschaften in Großwallstadt Handball. Zusammen mit der 1. , 2. Und 3. Mannschaft sind es 300 Handballer. Die Jugendarbeit des TVG gilt als vorbildlich und hat bereits etliche Bundesliga-Spieler hervorgebracht. Das Aushängeschild der TVG Junioren-Akademie sind die A-Junioren, die in der A-Jungend Bundesliga spielen. Und die B-Junioren wurden im Juni 2011 Deutscher B-Jugendmeister.

Allerdings ist es in den heutigen Zeiten, in denen vor allem das Geld – sprich der Etat eines Handballvereins – zählt, und manche Vereine gar durch Milliardäre wie SAP-Gründer Dietmar Hopp unterstützt werden, nicht einfach, junge Spieler zu halten. Daher meint Manfred Hofmann, der inzwischen als Trainer in der Junioren-Akademie tätig ist: „Wir müssen alles tun, um Top-Nachwuchsspieler zu halten, bis hin, dass wir versuchen, ihnen einen adäquaten Job in der Nähe zu vermitteln.“ Schließlich wirft nicht allein Geld Tore, es zählen auch Zusammenhalt, Gemeinsinn und ein faires Miteinander, gerade auch für junge Leute. Hinzu kommt das „Sieger-Gen“ der erfolgreichen Jahre. Dieses wollen ein Manfred Hofmann, Kurt Klühspies oder ein Peter Meisinger gerne an die aktuelle Mannschaft weiter geben. In der vergangenen Saison hat die 1. Handball-Mannschaft des TVG nämlich enttäuscht, hat entscheidende Spiele knapp verloren und ist nach mehr als 40 Jahren erstmals aus der 1. Handball- Bundesliga abgestiegen. Ein Abstieg, der nach Meinung aller Beobachter unglücklich war und nicht nötig gewesen wäre. So weisen zum Beispiel Gummersbach und Minden, die beide den Klassenerhalt gerade so geschafft haben, ein deutlich schlechteres Torverhältnis aus als der TVG. Am Ende hat Großwallstadt nur ein Punkt gefehlt, um in der obersten Liga zu bleiben. Aber so hart ist Sport eben manchmal.

Hinten: Trainer Rüdiger-Felix Schmacke, Kurt Klühspies, Peter Fischer, Manfred Freisler, Uli Gnau, Thomas Sinsel, Peter Meisinger, Udo Klenk; Vorne: Michael Dierauf, Manfred Hofmann, Claus Hormel, Volker Lang, Wolfgang Dümig, Masseur Friedel Konz

Neuanfang in der 2. Bundesliga

In der Handball-Hochburg am bayerischen Untermain haben sie aber die Zeichen der Zeit erkannt und wagen nach dem Abstieg mit einer neuen Mannschaft und kleinerem Etat einen Neuanfang. Im Management hat Geschäftsführer Guido Heerstraß nach dreieinhalb Jahren sein Engagement beim TVG beendet und mit Andreas Klein und Georg Ballmann tragen nun zwei neue Geschäftsführer ehrenamtlich Verantwortung für die in eine eigene GmbH ausgegliederte Bundesligamannschaft. Der TVG soll auf breitere Beine gestellt werden, viele sollen mithelfen, um wieder in die 1. Bundesliga aufzusteigen und vielleicht auch wieder an frühere Erfolge anzuknüpfen. Dazu hat der TVG mit Khalid Khan auch einen neuen, fachlich versierten Trainer verpflichtet. Khan hat früher als Aktiver in der Handball-Regionalliga gespielt. Als Trainer gelang dem 47-jährigen ALizenz Inhaber 2009 mit dem TV Korschenbroich der direkte Wiederaufstieg in die 2. Bundesliga mit phänomenalen 60:0-Punkten. „Die Arbeit mit jungen Spielern bereitet mir sehr viel Spaß und mein Credo ist es auch weiterhin, Talente in ihrer Entwicklung voranzubringen“, erläutert Khan. „Nun besteht unsere Hauptaufgabe aber darin, die individuelle Stärke aller Spieler – egal ob erfahren oder unerfahren – zu verbessern. Alles hängt von der Bereitschaft jedes Einzelnen ab und jeder wird gefordert sein.“ Immerhin, in der Vorbereitung hat die neue Mannschaft Leistungen gezeigt, die hoffen lassen. Wichtig werden aber die ersten Spiele in der 2. Bundesliga sein. Los geht es mit zwei Auswärtsspielen, am 31. August in Leipzig und am 14. September in Leutershausen. Das erste Heimspiel findet dann am Mittwoch, den 18. September, um 20 Uhr in der f.a.n. frankenstolz arena in Aschaffenburg, statt. Bei den Heimspielen hofft der TVG auf eine breite Unterstützung der Fans, gerade um auch in der 2. Liga zu bestehen und sich dort durchzusetzen. Denn eines wünschen alle TVG-ler und Handball-Fans: Dass der baldige Wiederaufstieg in die 1. Bundesliga gelingt und der bayrische Untermain eine Top-Handball-Hochburg bleibt.
(wrü) // Foto1: © Büro Ka Werbeagentur GmbH // Foto2 – Quelle: Aus der Jubiläumschronik „TV Großwallstadt – Eine Handball-Geschichte


Informationen:

– Gründung: 1888
– Zahl der Mitglieder: 1255, davon Handball 350
– Zahl d. Handballmannschaften: 21, davon 20 Jugendmannschaften
– Vereinsfarben: blau-weiß
– Cheftrainer: Khalid Khan

Größte Erfolge:

* Deutscher Feldhandballmeister 1973
* Deutscher Meister 1978, 1979, 1980, 1981, 1984, 1990
* Deutscher Pokalsieger 1980, 1984, 1987, 1989
* Europacupsieger der Landesmeister 1979, 1980
* IHF-Cup-Sieger 1984
* IHF-Goldpokal-Sieger 1980
* City-Cup-Sieger 2000

Legenden / Top-Spieler:

* Josef Karrer (Weltmeister 1966 im Feldhandball)
* Manfred Hofmann (Weltmeister 1978)
* Kurt Klühspies (Weltmeister 1978)
* Manfred Freisler (Weltmeister 1978)
* Peter Meisinger
* Siegfried Roch
* Jackson Richardson
* Bernd Roos

– Kontakt / Website: www.tvgrosswallstadt.de und www.tvg-1888.de
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